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293 Ausgrenzung und Verfolgung i Gedenktafel für die zerstörte Synagoge in Hannover. Die Tafel wurde 1978 angebracht. M5 „Gedenken heißt immer auch Erinnern“ Im Jahr 2000 hält der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, anlässlich der Veranstaltung zum Gedenken an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 in Berlin folgende Rede: Die Erinnerungen an die Geschehnisse von damals werden spontan gegenwärtig, wenn wir die Bilder der letzten Wochen und Monate sehen: wenn Synagogen angegriffen und geschändet werden wie etwa in Lübeck, Erfurt, in meiner Heimatstadt Düsseldorf und auch hier in Berlin. Wir sehen voll Zorn und Verbitterung die Bilder, wenn Menschen durch die Straßen gejagt werden, wenn sie öffentlich geschlagen, immer öfter auch getötet werden. [...] Machen Sie Ihre demokratisch gewählten Politiker mitverantwortlich für das, was hier geschieht. Was nützt es, in einer Sondersitzung des Deutschen Bundestages nach den Attentaten auf die Synagogen in Düsseldorf und Berlin in wohl klingenden Reden den Antisemitismus zu verdammen, wenn einige Politiker am nächsten Tag Worte wählen, die missverstanden werden können? Wenn sie die Zuwanderungsfrage heute aus taktischen Gründen zum Wahlkampfthema machen wollen, von sogenannten „nützlichen“ und „unnützen“ Ausländern faseln. [...] Wir alle sind jeden Tag – an einem Tag wie heute ganz besonders – aufgefordert, endlich Ernst zu machen mit dem Schutz der Menschenwürde. Nur wenn wir dies auch ernst nehmen, werden Gedenkveranstaltungen wie die heutige nicht zu inhalt losen, lästigen Ritualen oder Inszenierungen, sondern sind sinnvolle Zeichen einer lebendigen und starken Demokratie. Gedenken heißt immer auch Erinnern. Wir in der jüdischen Gemeinschaft haben von Kindheit an gelernt, dass Erinnern ein wichtiger Bestandteil unserer Geschichte ist. Der Talmud sagt: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ Wir sind es den Opfern der Shoa schuldig, sie und ihre Leiden niemals zu vergessen! Wer diese Opfer vergisst, tötet sie noch einmal! Die Welt, 10. November 2000 1. Erläutern Sie den Vorwurf Spiegels an einige Politiker, „Worte [zu] wählen, die missverstanden werden können“ (Zeile 14 f.). Finden Sie aktuelle Beispiele. 2. Erörtern Sie, inwiefern Spiegel hier Geschichtspolitik betreibt. Verfassen Sie einen Essay über die heutige Bedeutung der Menschenwürde. 5 10 15 20 25 30 32015_1_1_2015_Kap3_260-351.indd 293 01.04.15 11:00 Nu r z u Pr üf zw ec ke n Ei ge tu m de s C .C . B uc hn er V er la gs | |
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